Kennt Ihr das auch? Es gibt Bücher, die liegen lange, sehr lange neben dem Bett oder dem Sofa und warten darauf, dass sie zur Hand genommen werden. Einige wenige gelangen dann sogar ungelesen ins Bücherregal oder werden verschenkt, ohne dass ich sie gelesen habe. Meistens liegt das einfach daran, dass ich zu viele Bücher kaufe. Ich übernehme mich. Ich möchte mehr Bücher lesen. Aber mehr lesen? Das schaffe ich nicht. Ich schaffe ungefähr ein Buch pro Woche (und/oder ein Hörbuch). Mehr nicht. Von den ungelesenen Büchern, die mich wieder verlassen, werde ich nie erfahren, welche guten Geschichten ich verpasst habe.
Und dann gibt es die Bücher (auch von ihnen stapelt sich ein Turm neben meinem Bett oder in meiner Hörbuchplayliste…), die ich beginne, aber nicht beende. Ich breche nicht aktiv ab. Ich lese nur andere noch zwischendurch. Wenn das passiert, stimmt etwas nicht mit dem Buch. Dann denke ich: Du musst mindestens die ersten 50 Seiten schaffen, erst dann kannst du entscheiden, ob ich dabeibleibe oder nicht. Und dann bin ich auf Seite 100 und der Funke ist immer noch nicht übergesprungen.
Aktuell habe ich ungefähr drei bis vier solcher „Sorgenbücher“ in Lesenähe liegen. Immer mal fällt mein Blick darauf. Weiterlesen? Oder aufgeben?
- Stone Blind. Der Blick der Medusa vonNatalie Haynes.
- Siegfried von Antonia Baum.
- Das Leuchten der Rentiere von Ann-Helén Laestadius,
Die beiden ersten Bücher sind mir auf Instagram begegnet und aufgefallen. Vielleicht wurden sie aber auch nur gepostet, weil das Cover so ein taugliches Insta-Foto abgibt. Ich weiß es nicht. Stone Blind erzählt die bekannte griechische Sage der Medusa neu. Und das liest sich auf den ersten 100 Seiten wirklich interessant. Medusa wird geboren, wächst als kleines Mädchen bei ihren Gorgonenschwestern auf (die zum Fürchten sind) – Es geht um Inzest der Götter, Mißbrauch, Intrigen und tragische Familiengeschichten. Das, was auf den ersten Seiten noch frisch und neu daherkommt, nutzt sich jedoch schnell ab. Die Geschichten wiederholen sich. Und so richtig „warm“ wurde ich nicht mit der grausamen und narzisstischen Götterwelt … Vielleicht habe ich mich hier im Genre vergriffen. Wen dieses Buch und das Thema griechische Mythologie interessiert, bekommt hier noch einmal ausführliche Buchvorstellungen, die Lust auf Medusa machen. Die Idee, Medusa mal aus einer anderen Perspektive zu beleuchten und zu „rehabilitieren“, finde ich grundsätzlich sehr originell und die Autorin ist eine Expertin. Sie hat immerhin Altphilologie in Cambridge studiert.
Siegfried. Joa. Fängt interessant an, lässt kolossal nach, wird aber von den Kritiker*innen sehr gelobt und empfohlen. Erzählt wird in Rückblenden, Einschüben, auf mehreren Ebenen. Der Ausgangspunkt: Eine Frau weist sich selbst in die Psychatrie ein. Sie ist Schriftstellerin, hat Mann und Kind und einen Liebhaber, erlebt gerade einen Karriereknick oder Burnout oder beides. Nach und nach schält sich ihre Geschichte aus den Geschichten, die sie erzählt, heraus. Schwierige Familienverhältnisse, Lieblosigkeiten, Gewalt. Ich bin bereits über die Hälfte. Doch die Hauptfigur kommt mir kein Stück näher. Und: Was ist denn nun mit Siegfried, dem Stiefvater der Protagonistin? Mit Siegfried stimmt doch irgendetwas nicht! … Okay, dazu müsste ich den letzten Teil nun auch noch lesen. Was meint Ihr? Wer weitere Stimmen zu „Siegfried“ hören möchte, kann sich einen Überblick auf Perlentaucher.de verschaffen.
Das Leuchten der Rentiere ist das dritte, noch nicht ausgelesene Buch im Bunde. Es ist die Geschichte eines Samenmädchen im äußersten Norden Skandinaviens. „Sámi Elsa ist neun Jahre alt, als sie den Mörder ihres Rentiers noch am Tatort ertappt“, so führt der Klappentext in die Geschichte ein. Erzählt wird aus der Sicht Elsas. Eine Neunjährige erfährt, was Ausgrenzung und Gewalt gegen Minderheiten bedeutet – sie kennt es nicht anders. Aber in ihrer Naivität nimmt sie wahr, hinterfragt, hat Angst und ist mutig gleichermaßen. Was der Tod eines Rentieres für eine Samenfamilie eigentlich bedeutet … Das weiß ich jetzt. Aber ich bin noch nicht durch mit diesen rund 450 Seiten. Dieses Buch ist wunderbar, muss vielleicht aber bis zum nächsten Schnee warten. Lest Ihr von Schnee und Eis im Sommer? Übrigens wird die Geschichte verfilmt. Spätestens bis zur Kinopremiere sollte ich das Buch der schwedischen Journalistin Ann-Helén Laestadius dann gelesen haben!
Ich merke beim Schreiben, wie ich geneigt bin, allen drei Büchern noch eine Chance zu geben. Am liebsten würde ich sofort damit beginnen. Aber erst ist Louise Erdrichs neuer Roman „Jahr der Wunder“ (und noch mindestens drei andere…) dran. Dieser ist gerade erschienen – und bekommt den Vorzug.
Vielleicht habt Ihr trotzdem Lust, eins der vorgestellten Bücher zu lesen – oder Ihr kennt es bereits. Schreibt mir doch gerne dazu etwas. Ich würde mich freuen.