Nun also doch: Ich habe den Roman beendet. Nachdem ich zwischendurch ausgestiegen bin, habe ich der Geschichte noch eine Chance gegeben. Und ja, ich bin froh, dass ich mir das Hörbuch bis zum Ende angehört habe und erfahren konnte, was es mit Siegfried auf sich hat.
Vorweg: mit dem Namen „Siegfried“ assoziiere ich als erstes Richard Wagner und die Nibelungen. Ich denke an Siegfried und an Drachenblut, an seine Stärke und vermeintliche Unverwundbarkeit. Und ich denke an die Frauen, die in der Sage eine zentrale Rolle spielen: Brunhild und Kriemhild. Die eine nennt Siegfried „wunderschön“, mit der anderen ist er verheiratet (…). Was das mit Antonia Baums Roman zu tun hat? Ich weiß es nicht. Es ist ein Stolperstein, noch bevor ich mit dem Roman begonnen habe. Und vielleicht hat es Erwartungen geweckt, die in eine ganz falsche Richtung gingen. Vielleicht spielt Antonia Baum aber auch mit diesen Assoziationen. In ihrem Roman gibt es immerhin auch eine Hilde. Sie ist Siegfrieds Mutter. Hilde steht in der Geschichte für – ich nenne es mal – „altdeutsche Tugenden“: Ordnung, Disziplin, Gehorsam. Diese versucht sie, der Ich-Erzählerin einzubläuen. Siegfried entpuppt sich übrigens als das Gegenteil von einem Helden, aber erfolgreich ist er schon. Und wenn Wohlstand der Nachweis für Heldentum ist, dann wird er seinem Namen gerecht. Dass hinter seiner aalglatten Fassade noch etwas anderes schlummert, war mir beim Lesen des Titels bereits klar. Logisch! Was es ist, dazu muss man vorne anfangen und dann sehr lange durchhalten.
Also zurück zum Anfang.
Der Ausgangspunkt ist eine Frau in einer Lebenskrise: als Schriftstellerin steckt sie in einem Schreibtief fest, sie hat Geldsorgen und einen Ehemann, der nicht viel auf die Reihe bekommt, dazu einen Liebhaber – vielleicht aus Langeweile oder für die fehlende Selbstbestätigung? – außerdem gibt es da eine Tochter, „Johnny“, die das übliche Programm aus Förderung- und Freizeit absolviert, dazu das Betreuungsproblem und der Stress, den das auf die Ich-Erzählerin ausübt. Die Krise bricht scheinbar aus heiterem Himmel über die Protagonistin herein – wer kennt es nicht? Es geht um die Überforderung des Alltags, des Lebens an sich. Die vielen Bälle, die Frauen versuchen, in der Luft zu halten. Und dann der Zusammenbruch. Vielleicht Burnout. Aber die Krise der Ich-Erzählerin geht tiefer. Sie reicht weit zurück in ihre Kindheit. Es ist ihre Vergangenheit, die anklopft wie ein ungebetener Gast und sich nicht abwimmeln lässt.
Antonia Baum entwickelt die Geschichte auf mehreren Ebenen: in der Gegenwart und der Vergangenheit ihrer Hauptfigur. Sie wächst mit ihrer Mutter und ihrem Stiefvater Siegfried auf, behütet möchte man meinen, aber auch etwas „lieblos“. Immer wieder begleitet die Mutter ihren Mann auf lange Dienstreisen. In dieser Zeit lebt sie bei Siegfrieds Mutter Hilde. Von Hilde ist sie gleichermaßen angezogen wie abgestoßen. Die Witwe eines strengen Richters führt ein hartes Regiment. Die Ich-Erzählerin möchte ihr gefallen. Ganz langsam, ohne großen „Wumms“, wie es Nina Wolf in ihrer Rezension nennt, entwickelt sich die Geschichte. Zwischendurch fand ich das sehr fad, sehr belanglos, aber dann wurde – endlich! – noch einmal die besondere Dreierkonstellation zwischen der Ich-Erzählerin zu ihrer Mutter und zu Siegfried beleuchtet. Und das brachte Licht ins Dunkel.
Beim Lesen bzw. Hören wurde ich an Daniela Dröscher „Lügen über meine Mutter“ erinnert, den ich für einen der besten Romane des letzten Jahres halte. Ganz so konnte mich Antonia Baum nicht fesseln, aber den letzten Teil fand ich sehr gut – und dieser Teil der Geschichte ging wirklich unter die Haut.
Antonia Baums Roman Siegfried wunderbar gelesen von Julia Nachtmann bei Audible.
Antonia Baum: Siegfried, Ullstein Verlage, 256 Seiten, 2023.