Martin Suter kann eigentlich schreiben, was er will: Ich kaufe es. Das ist seit „Die dunkle Seite des Mondes“ so – und dieser Roman ist und bleibt mein persönlicher Favorit unter den unzähligen Suter-Romanen. Sein neuestes Werk „Melody“ habe ich gekauft, ohne den Klappentext gelesen zu haben. Es ist mir egal, wovon es handelt, ich werde mir selbst ein Bild machen. Und die Geschichten spielen bei Suter ja stets im ähnlichen Milieu: in der Schweizer Upper Class.
Die Tonlage entspricht schon einmal einem „typischen Suter“. Mittlerweile haftet dieser Stimme etwas „Gestriges“ an – eine Stimme aus der guten alten Zeit. Eine Zeit des Wohlstands. Eine Zeit, in der Männer die Geschicke der Welt lenken und Frauen hübsch auszusehen haben. Eine Zeit, in der die Köchin mittags in vier Gängen einen Hauch von Nichts kredenzt, man vorher einen teuren Sherry trinkt und am späten Nachmittag den ersten Gin.
Aber zurück zu Melody … Wovon handelt der Plot?
Dr. Stotz ist alt, krank und überaus vermögend. Auf seine letzten Tage beauftragt er Tom Elmer, einen Juristen, frisch von der Uni, um seinen Nachlass zu ordnen. Die Stellenanzeige klingt für Tom verlockend: Kost und Logis umsonst und ein äußerst großzügiges Jahresgehalt. Dr. Stotz und er verstehen sich auf Anhieb. Und so macht sich sich Tom daran, die unzähligen Papiere seines exzentrischen Arbeitsgebers zu sichten.
Vom ersten Tag an stößt er dabei auf eine geheimnisvolle Frau: Melody. Sie war Dr. Stotz Verlobte. Kurz vor der Hochzeit verschwand sie spurlos. Sie war seine große Liebe. Auch 40 Jahre später trauert er ihr noch nach. Doch Melody scheint ein Geheimnis zu umgeben. Vielleicht ist es das Rätsel um ihr Verschwinden und die Suche nach ihr, das Dr. Stotz im oder am Leben hält? Trotz all seines Erfolgs, seinen Auszeichnungen und Verdiensten kann er einfach keinen Frieden finden.
Dr. Stotz beginnt, Tom beim täglichen Glas Sherry in der Bibliothek von Melody zu erzählen. Ihre Familie stammte aus Marokko. Die Eltern waren gegen die Heirat, denn sie wünschten sich einen muslimischen Mann für ihre Tochter. Doch Melody ging ihren eigenen Weg, brach mit den Eltern, versprach Dr. Stotz die Ehe und genoss den Luxus, den ihr Verlobter ihr bieten konnte. Auch wenn sie die schönen Kleider, die teuren Handtaschen, den Schmuck, das maßgeschneiderte Pariser Hochzeitskleid etc. schätzte, hatte sie es nicht auf Dr. Stotz Vermögen abgesehen. Sie war kein Modepüppchen. Sie war gebildet und dem viel älteren Verlobten eine interessante Gesprächspartnerin (wobei der immer und wieder betont, sie sei die schönste Frau gewesen, die ihm je begegnet sei…). Melody achtete darauf, selbständig zu bleiben und ihr altes Leben nicht aufzugeben. Das bedeutete, dass sie ihre kleine Wohnung behielt und weiterhin in einem Buchladen arbeitete und ihr eigenes Geld verdiente. Ihr Verlobter respektierte das. Und dann, wenige Tage vor der Hochzeit, ist Melody verschwunden. Nichts von ihren persönlichen Sachen fehlte. Ihre Wohnung schien, als sei sie nur mal eben einkaufen gegangen. Ist sie Opfer einer Gewalttat geworden? Steckt ihre Familie dahinter? Oder ist sie aus freien Stücken verschwunden? Die Polizei wurde eingeschaltet, konnte das Rätsel um Melody aber nicht lösen. Dr. Stotz hat nie aufgegeben, nach ihr zu suchen.
Tom taucht immer weiter in die Vergangenheit seines Arbeitgebers ein, Puzzlestein um Puzzlestein trägt er zusammen. Ein schlüssiges Bild scheint sich trotzdem nicht zu ergeben. Für mich als Leserin war das manchmal nervig, dass die Erzählungen um Melody immer wieder durch die gleichen langweiligen Episoden der alltäglichen Routinen in der Villa des Dr. Stotz unterbrochen werden. Obwohl Martin Suter die Abfolge edler Speisen und Weine wie kaum ein anderer beschreiben kann, wiederholt sich das kulinarische Spektakel immer wieder aufs Neue. Es passiert also nicht wirklich viel in diesem Roman, außer dass Tom ein paar Kilos zunimmt und man fürchten muss, dass er am Ende dem Alkohol verfällt.
Dann stirbt Dr. Stotz (endlich passiert mal etwas!). Seine Nichte Laura erbt das riesige Vermögen. Sie und Tom (Laura und Tom – natürlich!) können das Geheimnis um Melody am Ende nun doch noch lüften, zu spät für Dr. Stotz, aber befriedigend für mich. Und es wäre dann doch kein Suter, wenn es nicht noch etwas Abgründiges zu entdecken gäbe – und so schlägt die Geschichte auf den letzten Seiten noch ein paar Haken. Dranbleiben lohnt sich also doch.
Neben aller Tragik, die Suter heraufbeschwört, stellt er grundsätzlich die Frage nach Wahrheit und Wirklichkeit.
Ich frage mich: Welche Geschichten erzählen wir über uns? Über das Leben? Was von dem, was wir erzählen oder erinnern, ist wahr? Konstruieren wir nicht unsere Biographie? Wir wählen aus, selektieren, unterschlagen, dichten hinzu… Sind wir nicht wie Dr. Stotz die Architekten unserer eigenen Geschichte?
Wenn ich fünf Sterne zu vergeben hätte, dann würde ich diesem Roman maximal drei Sterne zugestehen. Eine Geschichte in schönem Gewand: Für einen Moment ganz interessant, aber morgen schon wieder vergessen.
Martin Suter: Melody. Diogenes Verlag, März 2023, 336 Seiten.
Eine sehr wohlwollende Rezension gibt es hier, bei NDR Kultur.