T. C. Boyle hat einen neuen Roman am Start: Blue Skies. Brennender Himmel. Die Welt brennt. Den Klimawandel denkt Boyle konsequent weiter. Ferne Zukunft? Oder bereits Gegenwart? Während ich diese Zeilen schreibe, zerstören Brände große Flächen Kanadas und Nordamerikas – Blue Skies ist von erschreckender Aktualität.
Beim Lesen von Blue Skies kam ich mir so vor wie der Frosch, der nicht merkt, wie die Temperatur des Wassers, in dem er hockt, langsam, aber stetig steigt. Er bleibt sitzen, bis es zu spät ist. Okay, die Sache mit dem Frosch scheint in den Bereich der Alltagsmythen zu gehören. Aber dennoch: Obwohl wir wissen, was kommt, machen wir weiter wie bisher. Wir leben, als ginge es unendlich so weiter. Dabei verbrauchen sich die Ressourcen der Erde viel schneller als gedacht und das Klima beschert uns ja bereits jetzt vielerorts Extremwetter. Große Flüchtlingsbewegungen, Armut und Wasserknappheit werden die Folge sein, nein, gehören schon zur Wirklichkeit. Maja Lundes Romane haben sich schon vor einigen Jahren genau mit diesen Themen beschäftigt (Die Geschichte der Bienen; Die Geschichte des Wassers).
Aber zurück zu Boyle. Und zu einem kleinen Spinnentierchen, das in seiner Geschichte eine große Rolle spielt und mir gerade erst auf unangenehme Weise begegnet ist:
Ich hatte in der letzten Woche eine Zecke. In diesem Frühjahr habe ich so viele Zecken wie nie gesehen und von mir und dem Hund abgelesen. Ich habe immer sehr gut aufgepasst, aber nun war es zum ersten Mal seit langem passiert: eine Zecke hatte sich festgebissen und beim Entfernen habe ich den Kopf nicht herausbekommen. Ein Arztbesuch war fällig. Nächste Woche lasse ich mich gegen Zecken bzw. gegen FSME impfen. Das ist kein 100%-Schutz, ich weiß, aber ein Anfang. Im Roman wird eine der Hauptfiguren, Cooper, von Beruf ausgerechnet Biologe und Insektenforscher, von einer Zecke gebissen. Bakterien gelangen in seinen Körper, er bekommt hohes Fieber, kein Antibiotika schlägt an. Eine dramatische Situation – ausgelöst durch so einen winzigen Parasiten. Horror!
Aber das ist nur ein Erzählstrang im Buch. Darum von vorn.
Im Zentrum steht die Familie Cullen und deren Freunde. Sie leben an der Westküste, gehören zur amerikanischen Mittelschicht. Frank Cullen ist Arzt und steht kurz vor dem Ruhestand. Seine Frau Ottilie ist mit ihren 60 Jahren agil, voller Tatendrang und fit, jeden Tag dreht sie im Pool ihre Runden, sie versorgt Haus, Garten und Hund, hält Familie und Freunde zusammen. Die Geschichte beginnt mit einem Essen, zu dem Ottilie einlädt und das u. a. aus Grillen und anderen Insekten besteht. Eine aufwendig vorbereitete Speisefolge, die dazu dienen soll, die anderen mit der ungewöhnlichen Fleischeinlage zu beeindrucken. Insekten als Nahrungsquelle, da ist sich Ottilie sicher, sind die Zukunft. Besser fürs Klima. Gute Eiweißlieferanten. Ottilie möchte sogar ihre eigenen Insekten züchten. Unterstützt wird sie in ihrem Vorhaben von Sohn Cooper, dem Biologen und „Weltretter“, der sich in einem Naturreservat um bedrohte Arten kümmert.
Seit Jahren hat es in Kalifornien nicht mehr geregnet. Die Natur verändert sich dramatisch. Im Garten wächst immer weniger, irgendwann steigt die Brandgefahr, Feuer vernichten Häuser und zerstören Existenzen, das Wasser ist knapp und wird rationiert. Die Tochter der Cullens, Cat, lebt in Florida. Dort steht das Wetter ebenso Kopf. Regen und Sturmfluten ohne Ende. Ihr Mann, Todd, hat ein Haus am Meer geerbt. Früher waren die Strandhäuser begehrte und hochpreisige Immobilien. Heute sind die Häuser am Meer unverkäuflich. Die Immbobilien verrotten durch Salzwasser, Schimmel und Ungeziefer. Innerhalb der nächsten Jahre wird dieser Landstrich und auch das wunderschöne Haus von Cat und Todd unbewohnbar. Hurrikane, Fluten, Wind, Regen – Schimmel, Termiten, Alligatoren… Cat hat hier mit ganz anderen Problemen zu kämpfen als ihre Eltern. Dazu kommt, dass sie – vielleicht aus Langweile oder verdrehten Lifestylegründen – eine Tiger Python ins Haus holt. Es liegt auf der Hand, dass das nicht gut enden wird.
Die Partnerschaften von Cat und Todd, aber auch Ottilie und Frank sind von Boyle recht konservativ, vielleicht sogar klischeehaft angelegt. Ich finde aber, dass sie einen passenden Kontrast darstellen: Es ist ein Festhalten an der guten alten Zeit, die es längst nicht mehr gibt. Rollenmuster haben ausgedient. Jeder steht für sich. Dabei geht es nur im Miteinander. Sicherheiten gibt es nicht mehr. Die Menschen versuchen damit umzugehen, indem sie die Realität verdrängen – oder ihr mit unerschütterlichem Optimismus begegnen (Ottilie). Andere wiederum wollen auch jetzt noch einen ordentlichen Anteil am Kuchen, weil sie meinen, es stehe ihnen zu (Cat und Todd). Dabei können Bagardibotschafter oder Influencer der Welt nichts geben. Und Selbstdarsteller haben ausgedient. Es ist kein Wunder, dass im Roman viele dem Alkohol zusprechen. Und eins wird deutlich: Die Menschen sind der Vergangenheit mehr verhaftet als der Gegenwart oder der Zukunft. Ungläubig und unfähig, ihre Situation zum Besseren zu wenden. Ist der „point of no return“ erreicht? Schlägt die Natur zurück?
T. C. Boyle braucht etwas, um das ganze Panorama seiner drei Paare und Lebenswelten zu entfalten. Ganz gemächlich entickelt sich die Tragödie auf unterschiedlichen Ebenen. „Dystopisch“ nennen das Rezensenten. Verstörend ist es in der Tat. Aber er beschreibt keine ferne Zukunft. Die Geschichte beginnt in der Gegenwart oder zumindest in einer uns nahen Zukunft und begleitet dann die Protagonisten ungefähr zehn Jahre lang. Beim Lesen lief es mir manchmal kalt den Rücken hinunter. Gerade sitze ich im Garten. Der Tag war heiß. Es wird heute noch gewittern. Hoffentlich regnet es. In den Nachrichten der letzten Tage konnte man über Waldbrände in Brandenburg und auch im Harz lesen. Dabei ist es noch nicht einmal Hochsommer. Die heiße Phase hat gerade erst angefangen.
T. C. Boyle hat eine bestechende Gabe, Menschen und Situationen zu beschreiben: präzise, lakonisch, mit Ironie bis hin zum Zynismus, detailreich, genau, unglaublich spannend – für mich so spannend wir ein Thriller. Er ist nicht der erste, der sich dem Thema Klimawandel oder Klimakrise literarisch annimmt. Aber dieser Roman geht mir noch Tage nach der letzten Zeile nach.
Es ist „der amerikanische Traum als amerikanischer Albtraum“, schreibt Andreas Platthaus in der Online-Rezension der FAZ so treffend. Ein wichtiges Buch. Bitte lesen! Schon jetzt mein Buch des Jahres.
T. C. Boyle: Blue Skies, Hanser Literaturverlage, München 2023. 399 Seiten.
Ganz wunderbar als Hörbuch eingesprochen von Florian Lukas: klare Hörempfehlung!