Ambivalenz

Es knallen die Champagnerkorken. Das war zu erwarten. Zu Amélie Nothombs Markenzeichen gehören exquisite Getränke. Wenn ich mich recht erinnere, kommt in jedem ihrer Romane Champagner vor. Ambivalenz ist eine Geschichte, die wunderbar in die Reihe der Diogenes Bücher im Regal passt. Ich liebe das. Darum kaufe ich Diogenes auch in der Regel als gedrucktes Buch und nicht als Hörbuch.

Die Geschichte beginnt Anfang der 1970er Jahre. Dominique wird von dem charmanten Claude umworben. Claude ist weltgewandt, ehrgeizig, gutaussehend. Mit Chanel No. 5 bekommt er sie rum: Dominique nimmt seinen Heiratsantrag an. Eine Kollegin spricht gegenüber Dominique aus, was andere vielleicht über dieses Detail denken: Welch Klischee! No. 5 ist doch so etwas von durch. Aber ganz und gar nicht. Dominique ist fasziniert von diesem Parfum. Für sie bedeutet es den puren Luxus.

Sobald die beiden verheiratet sind, verändert sich Claude. Beruflich steigt er auf – er macht Karriere. Das Paar kann sich eine Wohnung in Paris leisten. Claude lebt für den Job, Dominique hütet das traute Heim. Langeweile zieht recht schnell in den Alltag des Paares ein. Und dann, das zu Erwartende: der Wunsch nach einem Kind. Während der Kinderwunsch für Dominique noch keine Priorität hat, denkt ihr Mann an nichts anderes. Doch so einfach ist das nicht. Dominique wird nicht schwanger. Irgendwann lässt sie sich untersuchen. Claude ist sicher, es müsse an ihr liegen, dass sie keine Kinder bekommen kann, aber nein, Dominique ist völlig gesund. Widerstrebend unterzieht sich auch Claude einigen Untersuchungen. Es stellt sich heraus: Beide sind zeugungsfähig und im besten Alter. Die Zeugung eines Kindes wird zu einer verbissenen Aufgabe, an der beide hart arbeiten. Liebe und Leidenschaft haben sich längst verabschiedet. Als Dominique endlich schwanger wird, gibt es dann auch noch Komplikationen. Sie muss sich schonen, ihr Mann kümmert sich rührend um sie. Ihre Beziehung scheint sich wieder zu bessern. Dominique freut sich einerseits, andererseits scheint seine Sorge weniger ihr als dem Kind zu gelten. Als das sehnlich erwartete Kind geboren ist, lässt Claudes Interesse schlagartig nach – und zwar an beiden. Er straft Mutter und Kind mit Desinteresse, ja sogar mit offener Ablehnung. Liegt es daran, dass es eine Tochter ist? Während Epicène für Claude Luft ist, wird sie für Dominique zu ihrem einzigen Lebensinhalt. Die Jahre vergehen, aber Dominique hat keine Ahnung, was in ihrem Mann vorgeht, bis sie endlich hinter Claudes Geheimnis kommt. Sie zögert nicht, eine Entscheidung zu treffen.

Ich mag Amélie Nothomb uneingeschränkt. Ihre ausgefeilte Sprache, ihre Beobachtungsgabe, ihre Frauengestalten, ihr Hang zum Luxus, ihren Humor. Ich mag ihre Geschichten, die zwischen einen handlichen Buchdeckel mit ca. 130 Seiten passen. Ihre Geschichten kommen ohne weit ausschweifende Nebenschauplätze aus, ohne Rückblenden und doppelte Böden oder verschiedene Erzählebene. Linear wird eine Geschichte entfaltet, kurz, knapp, auf den Punkt. Das gefällt mir sehr.

Amélie Nothomb lässt viel offen, erzählt nicht alles aus, hinterlässt Spielraum für eigene Gedanken und Assoziationen. Eine perfekte Lektüre für zwischendurch.

Amélie Nothomb bei Diogenes

Ambilvalenz als Hörbuch bei audible

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