Weite Sicht

Ein Zufall hat mir diesen Debütroman in die Hände gespielt. Normalerweise gibt es keine Leselücken. Es wartet immer schon das nächste Buch, der Stapel ist hoch, die Liste lang, jeder und jede, die gern liest, kann das vermutlich nachvollziehen. Ganz ungeplant hat sich dieses Werk also dazwischen geschmuggelt. Und das hat mit Sommer, Urlaub und Dänemark zu tun. Bereits in der kurzen Verlagsbeschreibung wird der Dänemarkbezug deutlich. Eine der zentralen Figuren des Romans, Bente, ist Dänin. Immer wieder werden dänische Wörter oder Sätze eingefügt. Damit hat das Buch mein Interesse geweckt – offenbar die perfekte Urlaubslektüre! Denn mit Thorsten Pilz teile ich schon einmal die Dänemarkliebe. In seinem Autorenprofil steht, dass er Westjütland liebt. Auch wir haben den westlichen Teil der dänischen Nordsee ausgiebig bereist. Ich schreibe diese Zeilen in einem Ferienhaus in der Nähe von Henne Strand. Nun, denn!

Vier Frauen und ein Todesfall

Am Anfang steht ein Todesfall: Friedrich, ehemals Hamburger Reedereibesitzer, stirbt. Ehefrau Charlotte muss ihr Leben neu ordnen. Ihre erwachsenen Kinder sind ihr dabei keine Hilfe. Beide führen ihr eigenes Leben und haben ganz eigene Sorgen. Da das Haus sehr groß und Charlotte nun allein ist, lädt sie ihre Freundin Sabine ein, bei ihr zu wohnen. Sabine ist mit Charlotte aufgewachsen. Sie kennen sich schon ewig. Charlottes Schwester Gesine, die gerade in einer Ehekrise steckt, findet ebenfalls Zuflucht in dem großen Haus. Dann kommt es zur Testamentseröffnung. Die Familie findet sich beim Notar ein. Friedrich hat Charlotte und Gesine einen Brief hinterlassen. Was Charlotte bis dahin nicht wusste: Ihr Mann hatte ein Verhältnis mit ihrer Schwester. Ihr bisheriges Leben wird mit einem Mal infrage gestellt.

Charlotte verlässt Hamburg, fährt nach Berlin und Dänemark, um sich über ihre Vergangenheit und natürlich auch über ihre Zukunft klar zu werden. Dabei spielt Bente, ihre Freundin aus Dänemark, eine große Rolle. Nach und nach wird ihr Verhöltnis beleuchtet und ihre Geschichte erzählt – und zwar eine Liebesgeschichte.

Ich hoffe, damit habe ich nicht schon zu viel verraten. Als Leser*in spürt man beim ersten Zusammentreffen der beiden Frauen, dass da eine besondere Spannung und Verbindung zwischen ihnen besteht.

Trotz allem muss ich sagen …

Der Anfang mit Beerdigung und Testamentseröffnung, aber auch die Tage in Berlin, die davon handeln, dass Charlotte eigentlich Bente besuchen will, sie aber knapp verpasst und dann allein durch die Stadt zieht, glänzen mit Langweile. Es dauert, bis die Erzählung Fahrt aufnimmt. Die Geschichte mäandert auch immer wieder zwischen den Personen hin und her. Charlottes Bruder Johannes, der in Sabine verliebt ist. Sabine, die bereits Witwe ist und in Johannes nur einen guten Freund sieht. Gesine, die eine Kulturstiftung leitet, aber merkt, dass sie dort zum „alten Eisen“ gehört und Jüngere ihren Platz beanspruchen. (Gesine, die einen jähzornigen Ehemann hat und von ihm geschlagen wird. Gesine, die zu viel trinkt …) – Probleme haben sie alle. Und Bente natürlich auch.

Mein Fazit

Ausgefeilte, schöne Sprache, starke Bilder und Stimmungen. Interessante Figuren. Trotzdem: Ein behäbiger Anfang. Der Einstieg zog sich, war langweilig und langatmig (…sollte so sein? Schließlich ist Charlottes Leben bis dahin recht bieder und langweilig?), auch fand ich Charlotte immer unterkühlt, sehr rational, zu blass. Bente war für mich die spannendste Figur, Gesine und Sabine die nervigsten. Warum müssen es immer so viele Charaktere sein? Ich hätte gern – wie durch ein Brennglas – auf die beiden Frauen Charlotte und Bente geschaut.

Ein gutes Ende, das für mich eine meiner Lieblingsfragen aufwirft: Wie viel „Happy End“ darf es am Ende denn sein? Ach ja, und noch etwas. Von einigen Rezensenten wurde besonders hervorgehoben, dass hier ein Mann über Frauen schreibt im Sinne von: „Alle Achtung, dass das ein Mann geschrieben hat, so einfühlsam, so empathisch, ein Frauenversteher!“ Ich verkneife es mir. Autoren versetzen sich immer in alle Geschlechter. Das ist eine ihrer Kernkompetenzen. Und Thorsten Pilz besitzt diese auf jeden Fall.

Für mich eine passende Sommerlektüre. Daumen hoch!

Erschienen ist Weite Sicht bei Lübbe, ca. 290 Seiten im Hardcover, April 2023.

Das Hörbuch wurde von Tessa Mittelstaedt eingesprochen – wie immer hervorragend! Ich mag ihre Stimme und ihre Art zu lesen, auch hier eine Hörempfehlung (… gibt es bei Audible, aber auch bei Spotify).

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