Die Letzten werden die Ersten sein, ist ein Zitat aus der Bibel. Jesus hat das wohl so gesagt. Und er meint damit, dass die Maßstäbe, die unter uns gelten, bei Gott auf den Kopf gestellt werden. Einen Platz im Himmel kann sich niemand durch Leistung und fromme Gesinnung verdienen. So kann es sein, dass die, die in ihrem irdischen Leben viel erreicht haben, sich im Himmel plötzlich hintenanstellen müssen und die, die in ihrem Leben schwach und unterprivilegiert waren, als erste vom Türsteher ins Paradies durchgewunken werden.
Die Letzten werden die Ersten sein. Der Streit um die Rangfolge. Wer ist besser? Wer lacht zuletzt? Die Ehe von Serenata und Remington Alabaster (was für wunderschöne und zugleich sperrige Namen – Charakternamen für Charakterköpfe!) gleicht einem fortwährenden Schlagabtausch. Ein imaginärer Ringkampf, den die beiden austragen. Was eigentlich Spaß und Neckerei ist, wird jedoch beim Thema sportlicher Ertüchtigung zu einer bitteren Auseinandersetzung. Wer wird am Ende den Sieg davontragen? Und wer bleibt der Strecke?
Inhalt
Serenata ist eine bekannte Synchronsprecherin. Ihre markante Stimme ist voll, tief und wohltönend. Reden ist das, was sie kann. Ansonsten treibt sie, seit sie denken kann, Sport. Sie hat sich ihr eigenes „Workout“ ausgedacht – ohne Fitnessbuden, Trainer oder Geräte. Sie läuft, fährt Fahrrad, macht Klimmzüge und Situps in endloser Wiederholung. Ihr ganzes Leben galt sie als Sonderling und Einzelgängerin. Nur ihren Ehemann Remington erträgt sie – mit ihm war es so etwas wie Liebe auf den ersten Blick. Die beiden lassen einander Freiheiten, wollen sich nicht gegenseitig verändern oder verbiegen. Sie verstehen sich, obwohl sie doch oft gar nicht einer Meinung sind. Ihre Gespräche sind ein eloquenter und intelligenter Schlagabtausch mit viel Ironie und Sarkasmus. Darin sind sie sich selbst genug. Wenn die beiden loslegen, werden alle anderen zu bloßen Zaungästen ihrer Unterhaltung.
Als Remington vorzeitig in den Ruhestand gehen muss, weil seine neue Vorgsetzte ihm ein Rassismus- und Sexismus-Problem anhängt (was Serenata und er ausführlich im Nachhinein aufarbeiten – diese Stelle ist so unglaublich gut und doppelbödig erzählt!), entdeckt er das Joggen für sich. Remington ist zwar auch in seinem Alter noch ein ganz passabel aussehender Mann, schlank und hochgewachsen, aber sportlich war er nie. Sport war bis dahin die Domäne seiner Frau. Doch Serenata muss ihre sportlichen Aktivitäten mehr und mehr zurückfahren, bis ganz einstellen: Sie hat Arthrose im Knie. Während sie also zu Hause sitzt, geht nun ihr Mann zum Laufen. Ein unterschwelliger Wettstreit zwischen den Eheleuten entwickelt sich. Obwohl sich Remington ganz offensichtlich quälen muss, gibt er nicht auf. Er meldet sich bei einem Halb-Marathon an. Dort trifft er auf Bambi Buffer, eine Personal Trainerin. Sie nimmt sich – gegen eine ordentliche Stange Geld – dem ambitionierten Senior an. Serenata versteht die Welt nicht mehr. Bei Remington dreht sich alles nur noch um den Sport. Die beiden entfremden sich immer mehr. Während Serenatas körperlicher Verfall voranschreitet, versucht Remington seinen Körper zu Höchstleistungen zu zwingen. Ob das gut ausgeht?
Dieser Roman lag etwas länger auf meinem Lesestapel, was in diesem Fall nur heißt: Ich hatte vorher wirklich keine Zeit. Das Buch wollte ich unbedingt lesen, weil ich schon andere Sachen von Lionel Shriver gelesen habe, z. B. die perfekte Freundin. Ich habe mich auf diesen Roman gefreut und wurde nicht enttäuscht.
In Die Letzten werden die Ersten sein arbeitet sich Lionel Shriver am Thema Alter, körperlicher Verfall und Tod ab. Schwere Themen, die sie mit Ironie und schwarzem Humor erstklassig entfaltet. Was anfangs noch recht harmlos erscheint, wird bitterböse auf die Spitze getrieben: Irgendwann konnte ich das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen. Dieser Roman ist großartig. Die Letzten werden die Ersten sein gehört eindeutig in die Reihe der besten Romane, die ich in der letzten Zeit gelesen habe.
Lionel Shriver: Die Letzten werden die Ersten sein, Piper Verlag, Hardcover 2022, 432 Seiten.
Mit Lob überschüttet: Pressestimmen.