Doris Knecht

und „Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habe“

Dies ist nicht der erste Roman von Doris Knecht, den ich hier vorstelle, natürlich nicht. Die Nachricht und Alles über Beziehungen oder auch „weg“ sind nur drei ihrer Romane, die ich gehört oder gelesen und auch empfohlen habe. Ich mag ihre Geschichten, ihren Stil, ihren Humor, eigentlich gibt es kaum etwas, das ich nicht an ihren Geschichten mag. Bei Amazon werden mir unter „Kunden kauften auch Artikel von“ Ewald Arenz und Mariana Leky vorgeschlagen – da befindet sich Doris Knecht doch in guter Gesellschaft. Und „Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habe“ hat mich wieder einmal nicht enttäuscht. Ich gehe sogar soweit, dass sie diesen Roman für mich geschrieben hat. Die Story erscheint mir ganz und gar nicht fiktiv, ausgedacht oder an den Haaren herbeigezogen, ganz im Gegenteil: Die Story ist lebensnah und authentisch. Ich habe den Eindruck, dass Doris Knecht über sich selbst schreibt. Ich weiß, Autor*innen möchten manchmal gern diesen Eindruck vermitteln, sie spielen mit der Frage, was von dem, was sie schreiben biographisch ist und was nicht. Sicher ist doch, dass Autor*innen wohl immer auch in irgendeiner Form persönlich in ihre Geschichten verstrickt sind (diese Diskussion hatten wir ja gerade erst bei Stuckrad-Barre). Und wenn Doris Knecht nicht ihr Leben beschreibt, hat sie vielleicht ein paar Dinge aus meinem Leben geklaut?

Also, wovon handelt der Roman?

Die Ich-Erzählerin ist eine Frau mittleren Alters (Mitte oder Ende 50 – geht diese Zahl noch als mittleres Alter durch?), die ihr Leben aufräumt und neu sortiert. Sie ist also im Alter der Autorin und ich stelle mir vor, dass sie wie Doris Knecht Österreicherin ist und in Wien lebt. Die beiden Kinder, Zwillinge, sind mittlerweile erwachsen und haben Abitur, bzw. die Matura abgelegt. Der bevorstehende Auszug der Kinder setzt die Veränderung in Gang: Die Ich-Erzählerin ist auf sich zurückgeworfen und fragt sich: Wie will ich leben? Wer bin ich?

Die Geschichte beginnt mit dem Hund.

Der Hund hat ins Auto gekotzt. Die Situation ist mir vertraut. Der Hund als treuer Begleiter, natürlich, aber manchmal ist er auch eine Last: Wer nimmt ihn im Urlaub? Wer geht Gassi, wenn ich es nicht kann? Wer erzieht ihn ordentlich? Wer geht zur Hundeschule? Über den Hund hat mich Doris Knecht natürlich sofort mit in ihre Geschichte hineingezogen. Und ich denke: Es ist mein Leben, das sie hier beschreibt!

Die Kinder machen Abitur, als Eltern begleitet man sie dabei, so gut es geht und ist froh, wenn die letzten Prüfungen bestanden wurden. Genauso, wie die Hauptfigur im Roman, war ich froh, als mein Erstgeborener das Abitur bestanden hat, meine Tochter hat es noch vor sich, aber Land ist in Sicht. Wir alle freuen uns. Und ja, ein bißchen Wehmut ist auch dabei. Doris Knecht beschreibt sehr gut die widerstreitenden Gefühle von Eltern, beschreibt die Gemengelage von unterschiedlichen Empfindungen und Haltungen, die sie und ihre Freundinnen dem erwachsenen Nachwuchs entgegenbringen.

Im Roman suchen die erwachsenen Kinder nun nach WG-Zimmern und verlassen schließlich die elterliche Wohnung. Für die Protagonistin ist das der Anlass, das eigene Leben neu auszurichten. Die Wohnung ist plötzlich viel zu groß und viel zu teuer. Das Ehepaar hat sich vor Jahren getrennt. Als alleinerziehende Mutter hat sie sich und ihr Leben ganz gut eingerichtet, aber nun ist sie allein, gern allein. Sie liebt es, genießt die neue Freiheit und die neuen Möglichkeiten. Da sind noch ein paar Hürden zu nehmen und auch Abschiede zu meistern. Die Stimmung ist manchmal wehmütig melancholisch, dann wieder heiter und von positiven Ausblicken in die Zukunft geprägt: Es ist gut, wie es ist.

Erzählstruktur

Die Erzählung ist in Kapitel unterteilt, die sich einem Stichwort widmen. Dadurch erhält der Roman eine gute Struktur. Jedes Kapitel hakt ein Stichwort auf der imaginären Liste der offenbar nicht wirklich vergessenen Dinge ab. Die Schwestern sind Thema, der Vater, die Mutter, Freundinnen, Männer, Musik, das marode Haus auf dem Land, Fundstücke aus Kisten der Vergangenheit. Nach und nach wird die Vergangenheit gesichtet und in Kisten verpackt.

Wie die Protagonistin bin auch ich schon unzählige Male umgezogen (ich bin fest davon überzeugt, dass ich die Anzahl der Umzüge noch toppe…) und weiß, was es bedeutet, Kisten zu packen, auszusortieren, wegzuwerfen und auch das ein oder andere für die Zukunft zu bewahren. Von daher stellte sich auch hier beim Lesen dieses vertraute Gefühl ein: „Ja, kenn ich!“ (Im nächsten Jahr steht bei uns auch wieder ein Umzug an…oje…)

Es gibt keinen Spannungsbogen im klassischen Sinn. Die Kapitel könnte man auch in anderer Reihenfolge lesen, zumindest die meisten. Wir begleiten die Ich-Erzählerin eine Weile und schauen ihr zu. Mal nachdenklich, melancholisch, matt, dann wieder froh, erleichtert, mutig und voller Tatkraft. Unterschiedliche Gefühle und Zustände haben ihre Berechtigung. Es ist ein leises Buch, das mich nachdenklich macht: Wie will ich leben?

Der neue Roman von Doris Knecht umfasst 240 Seiten und erschien im Juli 2023 bei Hanser.

Alexander Solloch: „Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habe“ von Doris Knecht, NDR Kultur-Rezension

Hinterlasse einen Kommentar