Fourth Wing

Um dieses Buch habe ich bis vor ein paar Tagen einen riesigen Bogen gemacht. Na klar, Spiegel-Bestseller (gerade auf Platz 5 gerutscht), in den Buchhandlungen prominent aufgestellt und von hunderten Leserinnen und Lesern besprochen (lovelybooks). Ich hüte mich an dieser Stelle vor Genre-Schlagwörtern. Es gibt so viele und ich kenne mich auf diesem Gebiet wirklich nicht aus: Dark Fantasy, High Fantasy, Romantasy … eine abenteuerliche Liebesgeschichte oder ein romantischer Abenteuerroman (…).

Kleine persönliche Vorrede

Ich lese nur sehr wenig Fantasy. Dazu gehören z. B. Holly Black und Kerstin Gier (letztere kann mit Rebecca Yarros wirklich nicht mithalten). Stephen King klammere ich mal aus, der ist in allem ein Fall für sich (z. B. Fairy Tale). Ich halte fest: Expertin auf dem Gebiet bin ich nicht. Als Jugendliche habe ich Der Herr der Ringe gelesen und natürlich Der Hobbit. Das war in den 1980er Jahren und lange vor dem Tolkien-Hype. Nach Tolkien konnte es nichts mehr geben, dachte ich. Dann kam Harry Potter. Natürlich war ich von Hogwarts fasziniert – so wie der Rest der Welt, obwohl ich finde, dass die Bücher schlecht lektoriert sind. Unendlich lange und langweilige Wiederholungen und Passagen, die ich gnadenlos zusammengestrichen hätte. Lange Vorrede, kurzer Sinn: Ich habe also nur die großen Mainstream-Fantasygeschichten gelesen. Und nun auch Fourth Wing.

Meine Erwartungen an den fast 800 Seiten langen Fantasyschinken? Nothing! Ich hatte bloß Zeit und Lust, mir ein eigenes Bild von diesem Buch zu machen. Was ist es, das alle Welt es lesen will?

Schon nach ein paar Seiten war ich Rebecca Yarros verfallen. Unglaublich! Ich hatte eigentlich gedacht, dass es mir schwer fallen würde, mich in diese komplett andere Welt hineinzufinden. Aber nein, die Geschichte hat von Anfang an einen starken Sog entwickelt. Die zwanzigjährige Violet möchte eigetlich Schriftgelehrte werden. Ihre Welt sind die Bücher. Aber ihre strenge Mutter und hochdekorierte Generalin hat einen anderen Weg für sie vorgesehen: Violet soll Reiterin, also Drachenlenkerin und Kämpferin werden. Dabei bringt sie körperlich nicht gerade das mit, was man dafür braucht. Aber was ihr an Kraft und Größe fehlt, macht sie mit Köpfchen weg …

Klappentext

„Violets Traum, Schriftgelehrte am renommierten Basgiath War College zu werden, zerplatzt jäh, da sie als Tochter der Generalin am Auswahlverfahren der Drachenreiter teilnehmen muss. Das erste Jahr wird nicht einmal die Hälfte aller Bewerber überleben, denn Drachen binden keine schwachen Menschen, sie fackeln sie nieder. Die meisten Kadetten wollen Violet allein aufgrund ihrer Herkunft niederstrecken – besonders Xaden, der mächtigste und skrupelloseste unter den Geschwaderführern. Und ohne Frage auch der attraktivste. Ausgerechnet ihm wird Violet unterstellt. Sie wird jeden Vorteil nutzen müssen, wenn sie überleben will. Denn am Basgiath War College haben alle eine Agenda und es gibt nur zwei Wege hinaus: den Abschluss machen oder sterben.“

Mehr zum Inhalt braucht es nicht – lest einfach selbst. Ich möchte nur aufzählen, was mich an der Geschichte positiv überrascht hat:

  • Die Hauptfigur Violet ist unglaublich sympathisch. Sie macht eine große Entwicklung durch. Sie ist klug, aber auch mutig. Sie ist stark, aber auch verletzlich. Sie kann kämpfen, ist aber auch gütig.
  • Ich dachte, die Sache mit den Drachen wäre durch – auserzählt. Aber die Art und Weise, wie hier Menschen und Drachen interagieren, wie sie aufeinander bezogen sind und eine Einheit eingehen, hat mich wirklich gut unterhalten, vor allem wie Violet mit ihrem Drachen, einer der gefürchtetsten und stärksten Drache überhaupt, redet, wie die beiden humorvoll und ironisch miteinander umgehen hat mich manchmal zum Lachen gebracht.
  • Rebecca Yarros versteht es, die Geschichte durch Handlung voranzutreiben und nicht ständig Dinge zu behaupten oder zu erklären. Von der ersten bis zur letzten Seite lebt die Geschichte aus sich selbst heraus. Yarros beherrscht außerdem die Kunst, beliebte Erzählmotive neu zu variieren: die Kleinen kommen ganz groß raus, die Großen zeigen Schwächen, Freunde werden Feinde, Feinde werden Freunde…
  • Die Liebesgeschichte ist der rote Faden, der früh ausgelegt, aber sehr fein und langsam gesponnen wird. Es braucht lange, bis es knistert, dann aber richtig. Auch hier: Respekt vor dem Timing der Autorin!

Und nun kommt doch noch ein Nachteil:

Es ist eine Serie! Natürlich ist es das. Fantasygeschichten sind in der Regel auf mehrere (auf viele!) Teile angelegt. Fünf Bücher sollen es angeblich werden. Ich bin ein ungeduldiger Mensch. Und Rebecca Yarros hat den ersten Teil mit einem gewaltigen Cliffhanger ausklingen lassen. Ich hoffe, dass es genau an dieser Stelle weitergeht – ich bin auf Violets Reaktion gespannt! Genau deshalb lese ich lieber abgeschlossene Geschichten. Ich möchte nicht warten. Gebt mir doch einfach alle fünf Teile auf einmal. Aber so ist es. Ich werde mich in Geduld üben. Der zweite Teil erscheint zum Glück noch in diesem Jahr.

Für das Hörbuch kann ich auch eine klare Empfehlung aussprechen – wunderbar gelesen von Dagmar Bittner, auch die Herausforderung der unglaublich vielen Charaktere hat sie hervorragend gemeistert. Hördauer: Mehr als 25 Stunden (!!!).

Rebecca Yarros, Fourth Wing, Flammengeküsst. DTV Verlag 768 Seiten, Juni 2023.

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