Stephen King hat ein neues Buch am Start: Holly. Ein 640 Seiten langer Thriller, der an Spannung nichts vermissen lässt, obwohl von den ersten Seiten an klar ist, wer die Mörder sind.
Protagonistin Holly ist Stephen King über viele Jahre ans Herz gewachsen. Eine Figur, die aus dem Schatten einer Nebenrolle nun ins Licht tritt. In fünf älteren Geschichten spielt Holly eine Rolle, von denen ich nur Outsider kenne. Der Roman Holly ist trotzdem zu verstehen, auch ohne Hollys Vorgeschichte vorab gelesen zu haben.
Inhalt
Holly Gibney ist private Ermittlerin. Sie ist Anfang 50, raucht Kette und hat gerade ihre Mutter an Corona verloren. Während das Land von einer neuen Coronawelle überrollt wird, die Krankenhäuser und Leichenhallen sich füllen und das öffentliche Leben heruntergefahren wird, will Holly eigentlich auch kürzer treten. Gerade erst hat sie die Zoom-Beerdigung ihrer Mutter hinter sich gebracht, aber dann klingelt das Telefon. Ein neuer Fall. Ein Auftrag – und Holly wäre nicht Holly, wenn sie nicht zumindest die verstört klingende Mutter zurückruft, die ihr so viele verzweifelte Nachrichten hinterlassen hat. Denn Penelope Dahl weiß sich keinen anderen Ausweg, als sich an eine private Ermittlerin zu wenden. Ihre erwachsene Tochter ist ganz plötzlich verschwunden. Die Polizei hat den Fall abgewiesen. Sie besitzt keine Kapazitäten, um sich näher mit dem Verschwinden zu beschäftigen – außerdem verschwinden junge Erwachsene manchmal, vor allem um familiären Beziehungen zu entkommen. Doch im Fall von Bonnie gibt es tatsächlich einige Ungereimtheiten. Warum steht ihr Fahrrad verlassen auf einem abgelegenen Parkplatz – und wo ist ihr Fahrradhelm? Warum hat sie diese kryptische Nachricht in Großbuchstaben ICH HABE GENUG hinterlassen? Hollys Interesse ist geweckt. Sie nimmt den Auftrag an und wühlt sich immer tiefer in den Fall. Schon bald stößt sie auf eine Reihe vermisster junger Menschen, deren Verschwinden nie geklärt wurde.
Parallel zu Hollys Ermittlungen erzählt King, wie die jungen Menschen von einem Mörderduo angelockt, gefangen genommen und getötet werden. Das ist so unglaublich perfide und gruselig, dass ich beim Lesen eine Gänsehaut bekommen habe. Das Paar entspricht so gar nicht den gängigen Vorstellungen von Serienkillern. Alt und gebrechlich kommen sie daher – und dann auch noch aus Akademikerkreisen, eigentlich kultiviert und belesen, mit guten Umgangsformen. Doch die Decke der Zivilisation erweist sich wieder einmal als sehr fragil … ganz schön harter Tobak, den Stephen King uns hier mit seinem Mörderduo zumutet.
Corona
Stephen Kings Roman spielt im Coronajahr 2021. Einige Leserinnen und Leser haben darauf empört und verärgert reagiert. Der Roman handelt von Impfgegnern und Impfbefürwortern, von Trump-Anhängern und Biden-Anhängern, von Querdenkern und Verschwörungstheoretikern und dem Rest, der darüber nur fassungslos den Kopf schütteln kann. King beschreibt ein gespaltenes Land. Der Riss geht auch durch Hollys Familie. Ihre Mutter hat Corona verleugnet, Impfungen verweigert und ist auf der Intensivstation an dem Virus verstorben. Diese Fälle gab es – und King greift sie auf. Ich kann verstehen, dass viele Menschen davon heute nichts mehr wissen und lesen wollen. Aber Stephen King liefert mit seinem Roman auch ein Stück Zeitgeschichte. Die Geschichte ist gesellschaftlich und politisch in unserer Zeit verankert – gerade das macht sie aus. Stephen King zeigt Haltung in einer Zeit, in der sich Meinungen ungefiltert und unbelegt verbreiten, Ängste geschürt werden und der gesellschaftliche Kit bröckelt. Konstruiert sich nicht jeder die Welt, wie es ihm gefällt?
Für mich ist HOLLY Stephen Kings bester Roman seit langem: „Vor allem aber ist „Holly“ eine packend erzählte Kriminalgeschichte, eine blutige Parabel, die zeigt, wozu der Hunger nach Leben manche Menschen bringen kann“, resümiert Michael Schleicher in der Frankfurter Rundschau.
Von mir gibt es eine ganz klare Leseempfehlung, ach ja, und wie immer schließe ich eine klare Hörempfehlung an. David Nathan hat den neuen King eingelesen – niemand kann das so gut wie er!

Stephen King: Holly, erschienen im September 2023.
Tobias Rüther: Was die Welt von Stephen King zusammenhält, FAZ Buchrezension.