Heute geht es noch einmal oder schon wieder (!) um eine Fantasy-Geschichte. Ein großartiges Werk, das ich erst jetzt entdeckt habe:
Vier Bände. Im Französischen Original erschienen zwischen 2013 und 2019. Insgesamt mehr als 2000 Seiten. Das Debüt der Französin Christelle Dabos. Der erste Teil „Die Verlobten des Winters“ war so erfolgreich, dass die Romane 2017 bis 2020 auch ins Deutsche übersetzt wurden. 2019 habe ich meiner Tochter den ersten Band der Spiegelreisenden geschenkt. Daran erinnere ich mich noch gut, aber ich selbst habe die Geschichte damals nicht gelesen. Es ist ein Jugendbuch. Empfohlen ab 12 Jahren – laut Verlagsangabe. Aber ist es das, ein Jugendbuch? Meine Tochter fand den Roman „okay“. So ganz überzeugt war sie nicht. Auf jeden Fall sollten Erwachsene das Werk von Christelle Dabos nicht unterschätzen. Es ist eine Parabel auf unsere Zeit, geschrieben für alle, die den Mut haben, sich dem auszusetzen.
Leichte Kost bekommt man hier nicht. Die Welt droht an allen Enden auseinanderzubrechen. Das liest sich düster, melancholisch, verwirrend, apokalyptisch, beklemmend, aber auch anrührend, faszinierend und auf jeden Fall spannend. Überzeugt hat mich die Geschichte nicht sofort. Immer wieder stand ich in Gefahr aufzuhören, hinzuwerfen, das Buch und schon gar nicht die vier Bände bis zum Ende zu lesen. Das, was Ophelia ertragen muss, ist so absurd, ihre Welten so schrecklich, die Zukunft so hoffnungslos und es gibt so wenige Lichtblicke, die das alles entschädigen. Und doch:
Ich habe alle vier Bände wie eine einzige lange Geschichte in den letzten zwei Wochen als Hörbuch gehört (fantastisch eingelesen und interpretiert von Laura Maire) – und es war wie ein Fieberritt. Ich kann nur sagen: erhöhte Temperatur ist der Zustand, in dem die Welt der Spiegelreisenden sich ausdehnen kann und zum Leben erwacht.
Ich kann die Geschichte hier nicht im Ganzen zusammenfassen und kommentieren – das haben andere im Netz längst getan. Vielleicht geht es Euch aber wie mir und Ihr habt das Werk von Christelle Dabos bisher noch nicht wahrgenommen. Dann bekommt Ihr von mir ein paar Einblicke, die hoffentlich Lust aufs Lesen oder Hören machen.
Ausgangspunkt
Die Welt ist auseinandergebrochen. Das Ereignis wird als der große „Riss“ bezeichnet. Es gibt eine Zeit vor dem Riss und eine Zeit danach. In der Zeit nach dem Riss existieren nur noch einzelne Archen, auf denen Familien mit ihren Familiengeistern leben. Jede Arche ist anders. Auf jeder von ihr wirken andere Kräfte, denn jeder Familiengeist besitzt eine andere Gabe, die er „seinen Kindern“ vererbt. So stammt Ophelia z. B. von Anima. Die Menschen von Anima besitzen die Fähigkeit, Gegenständen Leben einzuhauchen. So bewegen sich Stühle wie von selbst, Kutschen fahren ohne Pferde, Ophelias Schal schmiegt sich wie ein Haustier an ihren Hals. Auf Anima ist alles recht beschaulich. Aber es gibt auch unwirtliche Archen, z. B. Pol. Hier lebt Thorn, der nach einiger Zeit zum wichtigsten Verbündeten von Ophelia wird. Er ist ein Chronist und besitzt die Gabe eines schier unendlichen Gedächtnisses.
Die Archen sind geschlossene Gesellschaften. Reisende gibt es kaum. Fremden gegenüber ist man skeptisch. Jeder will für sich sein, aber alles hängt irgendwie mit allem zusammen. Und die Welt, wie sie ist, scheint sich immer weiter aufzulösen. Die Lage spitzt sich zu, als im letzten Band immer mehr Teile der sichtbaren Welt ins Nichts stürzen.
Letztendlich sind Ophelia und Thorn bestrebt, ihre Welten zu retten und den Urzustand wiederherzustellen. Dazu müssen sie aber ergründen, was den Riss verursacht hat und wie man dieses Ereignis umkehren kann.
Band 1: Die Verlobten des Winters

Ophelia lebt auf Anima. Sie leitet ein Museum, in dem Gegenstände aus vergangenen Zeiten archiviert werden. Das entspricht ihrer besonderen Gabe, die nur sie besitzt: Sie ist eine Leserin. Mit ihren Händen kann sie die Geschichte von Gegenständen ertasten. Durch eine Berührung kann sie auf diese Weise in Gedanken in die Vergangenheit reisen. Darum muss sie im Alltag auch Handschuhe tragen, sonst würde sie bei jeder Berührung ihrer Finger in einen Strudel an Erinnerungen und Empfindungen gezogen. Ophelia hat gelernt, mit ihrer Gabe zu leben und ist mit ihrem Leben auf Anima einigermaßen zufrieden. Doch sie muss ihre gewohnte Welt verlassen, als die Familiengeister von Anima sie mit Thorn von der Arche Pol verheiraten. Der Grund für diese arrangierte Heirat ist nicht ganz klar. Sicher ist, dass beide Familien sich von dieser Heirat etwas versprechen. Ophelia, ganz die gute Tochter, hat keine andere Wahl: Sie verlässt Anima und reist nach Pol. Pol ist einer der kältesten Orte, die es gibt. Dort ist es so rau, eisig, düster, steinig und trist, dass die „Miragen“, die die Fähigkeit haben, Scheinwelten zu imaginieren, eine schöne, höfische Welt erschaffen haben, die sich wie schöne Teppiche über die Wirklichkeit legen.
Ophelia merkt sehr schnell, dass sie auf Pol nicht erwünscht ist. Ihr Verlobter hält sich von ihr fern, ist abweisend und hat eine Menge Ticks (er ist zwanghaft und pedantisch…) und scheint eigene Pläne zu verfolgen, in die Ophelia nicht eingeweiht ist. Er bekleidet einen hohen Verwaltungsposten auf Pol, besitzt Einfluss, gehört aber aufgrund seiner niederen Abstammung nicht wirklich dazu. Im Grunde wird er von allen gehasst. Darum rät Thorn Ophelia, niemandem zu erzählen, dass sie seine Verlobte ist. Und so beginnt ein Versteck- und Verkleidungsspiel, bei dem Ophelia langsam aus ihrer schüchternen Kleinmädchenrolle herauswächst und zu einer mutigen Frau wird, die eine Menge einstecken muss – aber nach und nach auch ein paar Rätsel lösen kann. Am Ende von Band 1 haben sich Ophelia und Thorn einander angenähert. Thorn scheint auf der Seite der Guten zu stehen. Beide entwickeln Gefühle füreinander.
Band 2: Die Verschwundenen vom Mondscheinpalast

In diesem Band geht es darum, dass Ophelia im Dienst des Familiengeistes Faruk mysteriöse Mordfälle auf Pol aufdeckt. Es geht um manipulierte Sanduhren, um Mutter Hildegard, die Architekten der Archen, und um Faruks Familienbuch, in dem eine Seite fehlt. Ophelia kann mit ihren besonderen Gaben Faruk dienen, gerät aber immer wieder zwischen die Fronten und erhält sogar Morddrohungen. Zwischendurch verliert sie Faruks Gunst, dieser ist nicht nur vergesslich, sondern auch launisch. Nach und nach erkennt Ophelia, dass hinter allem viel größere Verwicklungen stehen, die über Pol hinausgehen. Als Thorn in Notwehr Ophelias Angreifer tötet, wird er ins Gefängnis geworfen. Dort heiraten die beiden (ziemlich unromantisch und schlicht). Bei der Heiratsszeremonie verbinden sich ihre Familiengaben: Ophelia besitzt jetzt die „Krallen der Drachen“ und Thorn wird zum Spiegelreisenden.
Band 3: Das Gedächtnis von Babel

Nachdem Thorn aus dem Gefängnis verschwunden ist, schließlich besitzt er nun die seltene Gabe durch Spiegel zu reisen, muss Ophelia nach Anima zurückkehren. Nach drei (!) Jahren beschließt sie, Thorn zu suchen und das Rätsel der Archen endlich zu lösen. Eine Postkarte führt sie zur Arche Babel. In Babel herrscht eine strenge Ordnung. Babel inszeniert sich als friedliche Gesellschaft, unterdrückt aber Andersdenkende. Alles und jeder wird zensiert. Es gibt z. B. eine Liste verbotener Wörter. Wer ein verbotenes Wort benutzt, wird inhaftiert. Überall gibt es Kameras und Automatenmenschen, die das Einhalten der Regeln überwachen. Ophelia bewirbt sich unter ihrem Tarnnamen Eulalia um die Aufnahme an einer elitären Akademie der „guten Familie“. Sie wird zwar aufgenommen, aber ihre Mitschüler machen ihr das Leben zur Hölle. Auf Babel trifft sie auf Thorn, der ebenfalls in eine neue Identität geschlüpft ist und als Sir Henry wieder einmal einen hohen Verwaltungsposten innehat. Verdeckt arbeiten die beiden zusammen, bemüht ihre Tarnung aufrechtzuerhalten. Ophelia entdeckt, dass ihr Tarnname einer Person entspricht, die vor dem Riss auf Babel gelebt hat: Eulalia Gort. Mit ihrem Schicksal ist das Schicksal der Welt und auch Ophelias Leben verbunden. Alle Spuren führen Ophelia zu einem Kinderbuch, das Eulalia vor dem Riss für die noch kindlichen Familiengeister geschrieben hat. Wo ist das Buch und welche Rätsel enthüllt es?
Band 4: Im Sturm der Echos

Im letzten Teil kommt es zu einem großen Showdown auf Babel. Ophelia und Thorn arbeiten gemeinsam daran, die nächsten Rätsel zu lösen und dringen immer weiter vor – oder vielmehr auf die Ebenen „hinter“ ihrer Welt. Alle Wege scheinen im Beobachtungsinstitut von Babel zusammenzulaufen. Dort werden Menschen „behandelt“, die über besondere Kräfte verfügen. Es ist eine geschlossene Anstalt, aus der niemand den Weg je wieder herausgefunden hat. Ophelia und Thorn vermuten, dass sie dort das sagenhafte Füllhorn finden, einen Gegenstand, der die Welt vielleicht wiederherstellen kann.
Ophelia wird aus freien Stücken Patientin im Beobachtungsinstitut. Sie lebt dort wie eine Inhaftierte, erfährt Stück für Stück mehr über sich und auch über ihre Tolpatschigkeit, die mit „dem anderen“ in ihr zu tun hat. Im Zuge der Behandlung verliert sie ihre Kräfte. Die Verdrehung ihres Körpers wird rückgängig gemacht.
Der letzte Teil liest sich wie ein Psychogramm Ophelias. Ihr Innerstes stülpt sich nach außen. Sie – ihre Person – treibt die Geschichte in sich und aus sich herus voran. Alle anderen Figuren werden zu Nebenspielern.
Am Ende werden die meisten Rätsel gelöst. Die Autorin findet kluge Erklärungen, die jedoch für mich nicht immer nachvollziehbar waren. Im wahrsten Sinn ist die Auflösung fantastisch, intellektuell etwas abgehoben, aber zumindest wird die Welt wieder zu einem Ganzen zusammengefügt. Das Kollektiv kann jubeln, das Indivuum aber … – na ja, persönliches Glück wird dem großen Ganzen hier untergeordnet.
Da Band 4 trotz Wiedervereinigung der Archen ein „offenes“ Ende hat, fragen Fans der Reihe immer wieder, ob es einen abschließenden Band 5 geben wird. Bisher ist nichts darüber bekannt. Wer auf ein zuckersüßes Happy End hofft, wird also weiterhin enttäuscht. Trotzdem ist die Reihe lesenswert bis zum Schluss. Von den enttäuschten Stimmen sollte sich niemand abschrecken lassen. Der Schluss passt zu Ophelia und auch zum melancholisch-düsteren Sound des Buches. Alles andere wäre der Geschichte nicht gerecht geworden. Und Traurigkeit wärt nie lange – am Ende bricht sich immer Hoffnung Bahn und der eiserne Wille der Personen, die die Geschichte vorantreiben. So steht Ophelia vielleicht nur wieder vor ihrem nächsten Abenteuer!
Darüber hinaus….
… gibt es unzählige Charaktere, die ich nicht alle einzeln erwähnen kann. Nur so viel: In jedem Band stehen Ophelia Freunde zur Seite. Christelle Dabos erschafft eine komplexe Welt mit vielen verschiedenen Charakteren. Da braucht es beim Hören oder Lesen schon Konzentration, um immer am Ball zu bleiben. Die Hauptakteure wie Gott alias Eulalia Gort können außerdem ihre Gestalten wechseln. Ein großes Verwirrspiel, viele Rätsel und eine Menge Haken und Wendungen, vor allem im letzten Teil verlangen die ganze Aufmerksamkeit. Ich muss gestehen, dass ich im vierten Band nicht mehr überall mitgekommen bin. Die Welt ist verdreht und hat eine Vorder- und eine Rückseite. Jede Seite muss in Balance gehalten werden. Und Ophelia hat die Balance zerstört, als sie den „Anderen“ aus dem Spiegel befreit hat… oder doch nicht?
Wer bin ich?
Das ist die Frage aller Fragen. Die Spiegelreisende durchlebt eine enorme Entwicklung. Sie erlebt alle möglichen Gefühle. Sie erlebt Macht und Ohnmacht. Sie lernt dazu, gewinnt Einsichten, ist so nahe an der Lösung aller Rätsel und wird dann doch in den entscheidenden Situationen stets auf sich selbst zurückgeworfen. Immer wieder der Blick in den Spiegel: Wer bist du? Ophelias Identität ist das schillerndste, was Christelle Dabos zu bieten hat. Mit Ophelia hat sie eine beeindruckende Frau und ein moderne Heldin erschaffen. Das ist für mich der Hauptgrund, diese Reihe zu empfehlen. Hier werden typische Rollenbilder und Klischees tatsächlich über Bord geworfen. Es ist hart, Ophelia dabei zu begleiten. Sie erlebt Schmerz, wird gefoltert, erträgt alles und ist doch gleichzeitig so stark, so aufrecht in ihrer Haltung, so unverbrüchlich steht sie zu den Menschen, die ihr wichtig sind. Das geht weit über die „Liebesgeschichte“ zwischen Ophelia und Thorn hinaus.
Ophelia und Thorn
Obwohl auch die Geschichte zwischen Ophelia und Thorn gerade deswegen berührt, weil sie so anders ist: Beide sind nicht schön, Ophelia kämpft stets mit ihrer Brille, mit ihren abstehenden Haaren, mit ihrer Ungeschicklichkeit. Und Thorn wird sogar immer wieder äußerst abstoßend beschrieben: zu eckig und kantig, spitze Knochen, spitzes Gesicht, nichts an ihm ist „schön“. Die knirschende und quietschende Beinschiene, die er seit seinem Gefängnisaufenthalt trägt, macht ihn zu einem Invaliden, der stolpert und fällt, sein verdrehtes Bein hinter sich herzieht … oh je, was für ein trauriger Held. Trotzdem liebt Ophelia ihn. Und Thorn liebt sie. Unverbrüchlich steht er hinter und zu Ophelia. Er weiß, dass sie wichtiger für die Geschichte ist als er – und am Ende erfüllt er die Aufgabe, die ihm vermutlich von Anfang an zugedacht war.
Fazit
Christelle Dabos hat ein eigenes Universum geschaffen. Ihre Geschichte ist klug und weise. Das Wortspiel „Gott“, Allmacht und Ohnmacht, die Bemühungen Frieden zu schaffen und Krieg zu beenden, das Scheitern an den Gesetzmäßigkeiten der Welt und der Natur der Menschen – und die schlichte Erkenntnis: Wissen ist Macht. Und Neugier die Triebfeder hinter allem.
Die Geschichte liest sich wie ein Fiebertraum. Wie Thorn ist sie eckig und kantig und will in kein bekanntes Schema passen. Genau das macht ihren Reiz aus. Ich habe wohl Feuer gefangen. Für mich keine verlorene Lese- bzw. Hörzeit!
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Bei Wikipedia gibt es natürlich eine umfassende Zusammenfassung der viert Teile.