Wicca Creed

Heute ein sogenannter „New Adult Roman“ aus dem Bereich Romantasy. Und versprochen: Ich beschäftige mich auch nur noch einmal mit diesem Genre, weil Marah Woolf hier einen Bestseller gelandet hat und ich wissen möchte, was an der Geschichte dran ist. Seht diesen Blogpost als Halloween-Gabe. Nächste Woche gibt’s einen echt hervorragenden „Erwachsenenroman“ …

Genre

Ich musste es noch einmal recherchieren, weil ich selten in diesem Buchgenre unterwegs bin: Es handelt sich bei Wicca Creed um einen „New Adult Roman“, laut google einem Subgenre des Liebesromans, und richtet sich an junge Erwachsene, die in der Regel Anfang bis Mitte 20 sind. Die Tetralogie letzte Woche („Die Spiegelreisende“) richtete sich im Gegensatz dazu an 12-18-Jährige. Im Englischen werden damit Jugendbücher im Gegensatz zu Kinderbüchern bezeichnet. Wie durchlässig und unzulänglich diese Genre- und Zielgruppenzuschreibungen sind, habe ich letzte Woche schon betont. Dass ich – in meinem deutlich höheren Alter – gerade jetzt beim Young- and New-Adult-Buch lande? Vielleicht gehört das zu einer Art Midlife-Crisis, ich weiß es nicht. Ich bin selbst überrascht. Allerdings macht es Spaß (trotz aller Kritik und Fragen, die habe…): Es ist spannend und auch unterhaltsam, sich hinterher mit jungen Menschen über das Gelesene auszutauschen. Meine Tochter und ich kommen hier oft zu absolut gegensätzlichen Einschätzungen – haben aber auf dem Weg dorthin mit Eifer und Verve diskutiert!

In diesem Sinne: Ran ans Buch!

Wicca Creed 1: Zeichen und Ohmen

Der Klappentext verspricht eine spannende Geschichte um eine junge Frau, die magische Fähigkeiten besitzt, sich aber aus der Welt der Magie zurückgezogen hat und im Verborgenen lebt:

„Seit der Ermordung ihrer Familie vor sechzehn Jahren lebt die junge Wicca Valea Patel fernab ihrer Heimat Ardeal bei den Menschen. Nichts wünscht sie sich sehnlicher, als zurückzukehren und herauszufinden, was in der Nacht, in der ihr Leben brutal in Stücke gerissen wurde, vorgefallen ist. Doch erst als wieder eine Wicca ermordet wird, lässt ihr Großvater sie holen, denn Valea besitzt die seltene Gabe, Erinnerungen zu sehen – selbst die der Toten. Nach ihrer Ankunft findet sie sich jedoch in einem unentwirrbaren Geflecht aus Lügen, Intrigen und Verrat wieder. Denn in Ardeal tobt seit Jahrhunderten ein Krieg zwischen den Wicca, den Strigoi und der Hexenkönigin, der erst beendet sein wird, wenn zwei der drei Völker endgültig vernichtet sind.“

Ein spannender Einstieg, der Fragen aufwirft und Rätsel aufgibt: Wer ist Valea? Warum lebt sie unter den Menschen? Welche Magie besitzt sie? Warum muss sie sich verstecken? Ich muss zugeben, dass mich die Geschichte gefesselt hat. Die Liebesszene gleich zu Beginn mit einem Fremden, der darüber hinaus ein Vampir bzw. gefährlicher Strigoi ist, kam allerdings etwas unvermittelt und erklärt sich erst viel später (wenn überhaupt) – sie wirkt arg konstruiert und hingebogen von der Autorin.

Im ersten Band werden vor allem die Personen eingeführt und die familiären Verflechtungen und Verstrickungen deutlich. Wem kann man trauen? Niemandem. Wer verfolgt welches Ziel? Jeder ganz eigene, egoistische Ziele… Während Valea sich um ihre Geschwister bemüht, die sich untereinander verfremdet haben, versucht Nikolai seine kranke Schwester zu retten und die Unsterblichkeit der Strigoi zurückgewinnen. Und dann gibt es ja auch noch die Liebesgeschichte zwischen Valea und Nikolai, einer Wicca und einem Strigoi. Das ist so ein bißchen wie West Side Story oder Romeo und Julia: Da verlieben sich zwei aus verfeindeten Familien. Sie ist eine Hexe – er ein Vampir. Was die beiden verbindet, wird nicht ganz klar, zumindest erschließt es sich mir nicht so ganz in den ersten beiden Teilen. Auf jeden Fall lässt es die Autorin zwischen den beiden erotisch knistern. Am Ende von Band 1 gelingt es mit Hilfe von Valea und ihrem Zwillingsbruder, dass die Vampire ihre von der Hexenkönigin Celesta gestohlene Unsterblichkeit zurückbekommen. Das hat aber einen hohen Preis…

Wicca Creed 2:

„Zwei Jahre sind seit den verheerenden Ereignissen in Adreal vergangen. Zwei Jahre, in denen sich Valea in der Welt der Menschen versteckt hat. Und so sehr sie ihre Heimat vermisst, so hofft sie doch, dass niemand sie je findet. Aber manche Hoffnungen erfüllen sich nicht, und als eines Tages alte Freunde vor ihrer Tür stehen und sie bitten zurückzukehren, muss Valea entscheiden, ob sie ihre Wut und ihren Hass überwindet, um denen zu helfen, die sie im Stich gelassen haben.“

Ein bißchen nichtssagend liest sich dieser Text auf dem Buchrücken. Vermutlich soll und darf nicht gespoilert werden. Alles, was mehr über Valeas Motive und Situation verrät, würde anderen, die noch beim ersten Teil der Geschichte sind, den Spaß verderben. Nur soviel: Valea hat durchaus starke Motive, sich in die Welt der Menschen zurückzuziehen. Wut und Hass – ja – aber vor allem ist es auch Trauer, denn am Ende von Band 1 erfährt sie einen Schicksalsschlag, den sie erst einmal verarbeiten muss.

Während ich nach dem ersten Band dachte: okay, ich will wissen, wie es weitergeht, hat mich der Fortgang der Geschichte an einigen Stellen so richtig genervt. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll – vielleicht grundsätzlich und im Blick auf einen anderen Fantasy-Bestseller, den ich gelesen habe: Rebecca Yarros hat in „Fourth Wing“ eine Protagonistin geschaffen, die man beim Lesen auf ihrem Weg begleitet und an ihrer Entwicklung teilnimmt. Auf jeder Seite „geschieht“ etwas – die Handlung treibt die Geschichte wirklich voran. Sie lernt, scheitert, steht wieder auf, wird langsam besser – und wir, als Lesende, verstehen immer mehr, wie diese magische Welt tickt. Anders ist das bei Wicca Creed. Hier wird viel geredet und erklärt, aber die Handlung bleibt dahinter zurück. Valea wird in ein Soldatenlager gesteckt und alles, was sie dort lernt, ist, wie man Pfeile zusammenbaut. Eine einzige wirkliche Prüfung durchlebt sie – sie muss auf dem Besen durch eine Schlucht fliegen – was auf mich auch gar keinen Sinn ergibt. Sie soll danach eigentlich weitere „Hexenprüfungen“ ablegen, um höhere „Hexengrade“ zu erreichen, aber dazu kommt es nicht. Die Geschichte führt in eine Abwärtsspirale. Die Gegner erscheinen übermächtig. Am Ende wartet ein Cliffhanger wie ein Paukenschlag. Das kann sie, Marah Woolf, was für ein Ende! Die Autorin weiß, wie man trotz erzählerischer Schwächen, die Leserschaft bei der Stange hält. Also warte auch ich auf Band 3, der am 5. Dezember erscheinen soll.

Harry Potter lässt grüßen!

Das Rezept für die auf mehrere Bände angelegte Reihe ist simpel. Ein Fantasy-Ratatouille aus Hexen und Vampiren. Bekannte Motive werden neu gemixt und abgeschmeckt. Und die Erklärung für die Unsterblichkeit der Gegenspieler hat mich sofort an Voldemorts Horkruxe erinnert. Das darf man natürlich – auf Bekanntes zurückgreifen. Aber das ist hier so platt umgesetzt, dass es mich ärgert.

Nichtsdestotrotz: Marah Woolf hat ihre Fans. Sie hat eine neue Fantasy-Reihe geschaffen, die ihre Leserschaft findet – und scheinbar in Stil und Inhalt am Mainstream andocken kann. Das muss ich neidlos anerkennen. Und ich muss mir eingestehen, dass ich dann eben doch nicht mehr zu den „young adults“ gehöre… und einen anderen Blick auf die Geschichte habe.

Achso, und nur am Rande sei erwähnt, dass der Name Marah Woolf suggeriert, dass es sich um eine angelsächsische Autorin handelt und die Romane aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt werden müssen. Mitnichten. Mara Woolf (Pseudonym?) lebt in Sachen-Anhalt – vielleicht in der Nähe des Blocksberges, was die Affinität zu Hexengeschichten erklären würde.

Die Bücher

Band 1 und 2 gibt es als Hardcover zu kaufen mit einem wunderschönen Farbschnitt. Bei der Ausstattung des Buches wurde wirklich mit Liebe zum Detail gearbeitet.

Als Hörbuch wieder einmal zu empfehlen und wunderbar gelesen von Anne Düe.

Hinterlasse einen Kommentar