Zwei Paare, zwei Welten – und ein Verbrechen, das alles ins Wanken bringt. Raffiniert konstruiert, spannend erzählt und voll menschlicher Abgründe.
Joël Dicker beweist mit Ungezähmte Tiere erneut sein Talent, komplexe Geschichten in einen packenden, mehrschichtigen Roman zu verweben. Was zunächst wie ein gehobenes Gesellschaftsdrama beginnt, entwickelt sich nach und nach zu einem psychologisch raffiniert erzählten Spannungsroman über das Aufbrechen von Fassaden und die wilde Natur menschlicher Sehnsüchte.
Im Zentrum stehen zwei Ehepaare, die auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher sein könnten. Besonders das Ehepaar Braun wird mit fast schon überzeichneter Perfektion inszeniert: eine makellose Ehefrau, zwei Vorzeigekinder, ein Designerhaus aus Glas, Luxusautos, Karriere, Sex, Statussymbole – das volle Hochglanzprogramm. Und doch wird dem aufmerksamen Leser schnell klar: Diese Oberfläche ist zu glatt, um echt zu sein.
Dicker beherrscht das Spiel mit Erwartung und Entlarvung meisterhaft. Die Zeitebenen sind klug ineinander verschachtelt, die Perspektiven wechseln, die Spannung wächst, und mit jeder Seite wird deutlicher, wie eng die Lebensläufe der Figuren miteinander verflochten sind – bis am Ende ein fein gesponnenes Netz aus Lügen, Begehren und verdrängten Wahrheiten sichtbar wird.
Der Titel Ungezähmte Tiere ist dabei mehr als eine Metapher. Er steht für jene Kräfte in uns, die sich nicht anpassen wollen – für das innere Aufbegehren gegen Konventionen, für verborgene Triebe, für die Sehnsucht nach einem anderen Leben. Die Figuren sind alles andere als eindimensional. Sie kämpfen mit sich selbst, mit moralischen Entscheidungen, mit dem Wunsch, auszubrechen – und mit den Konsequenzen ihrer Regelverstöße.
Dickers Stärke liegt nicht nur in der Konstruktion des Plots, sondern auch in der Fähigkeit, große Fragen so in den Text zu legen, dass sie beim Lesen mitschwingen, ohne belehrend zu wirken: Wie ehrlich sind wir zu uns selbst? Können wir all unseren Bedürfnissen gerecht werden, ohne andere zu verletzen? Was bleibt von einem Menschen, wenn die schöne Fassade fällt?
Ungezähmte Tiere ist ein Roman, der unterhält, fesselt und gleichzeitig zum Nachdenken anregt. Er erzählt nicht nur eine spannende Geschichte, sondern legt feinfühlig offen, wie schwer es sein kann, sich selbst und anderen treu zu bleiben – und wie leicht man sich in einem Netz aus Halbwahrheiten verliert. Wer Dicker kennt, wird seine Handschrift sofort wiedererkennen. Und wer ihn noch nicht kennt, findet hier einen idealen Einstieg in ein Werk, das mehr ist als nur Krimi oder Gesellschaftsroman – nämlich ein Spiegel menschlicher Widersprüche.
Für mich ein kurzweiliger Roman, der sich – zum Glück – gar nicht so recht in ein bestimmtes Genre einordnen lässt.
Ungezähmte Tiere im Piper Verlag