Vaterländer

Sabin Tambrea ist nicht nur ein fantastischer Schauspieler – er kann auch verdammt gut schreiben. In Vaterländer lässt er uns an (s)einer Familiengeschichte teilhaben, die so vielschichtig und anrührend ist und unbedingt erzählt bzw. gelesen werden sollte (meiner Meinung nach). Drei Generationen, drei Stimmen, ein Thema: Wie viel Geschichte passt eigentlich in eine Familie?

Der Roman ist in drei Teile gegliedert, die jeweils aus der Sicht einer anderen Generation erzählt werden: Zuerst Sabin selbst, der Ende der 1980er-Jahre als Kind mit Mutter und Schwester aus Rumänien nach Deutschland kommt – dem Vater hinterher, der bereits geflohen war. Fremdheit, Sprachlosigkeit und die Suche nach einem Platz in einer neuen Welt prägen die Ankunft. Im zweiten Teil erzählt der Großvater Horea von seiner Inhaftierung 1949 durch die Securitate und den Jahren in Angst und Überwachung. Erst ein geheimer Archivbericht bringt Jahrzehnte später Licht ins Dunkel. Schließlich kommt Béla, Tambreas Vater, zu Wort: Musiker im rumänischen Staatsorchester, der 1985 auf einer Konzertreise flieht – ein Akt der Hoffnung auf Freiheit, begleitet von langem Warten auf die Familie.

Gerade in der aktuellen Flüchtlingsdebatte gewinnt Vaterländer zusätzliche Brisanz – und ist wichtig, weil er die menschlichen Schicksale hinter der Flucht erzählt. Tambreas Roman zeigt eindrücklich, wie schwer es ist, die vertraute Heimat zu verlassen, sich in einem fremden Land einzuleben und dabei die eigene Identität zu bewahren. Der Titel greift diese Erfahrung auf: Am Ende geht es nicht um ein einzelnes Vaterland, sondern um mehrere Orte: „Vaterländer“, die Heimat der Väter, die die Familie geprägt haben.

Besonders spannend ist Tambreas Stil: teils poetisch, teils sachlich klar, jede Figur hat ihre eigene Stimme. Die Kapitel über Horea sind literarisch nacherzählt, basieren aber auf realen Erinnerungen und Gesprächen, was das Buch gleichzeitig historisch fundiert und zutiefst persönlich macht. Dieser Teil ist sehr düster und schwer – Horea kommt selbst zur Sprache und erzählt u. a. von Folter und Demütigungen, die er erlebt hat.

Im gesamten Roman spielt Musik eine besondere Rolle: Tambrea selbst spricht in Interviews über den Halt, den die Geige ihm in seinem Leben gegeben hat – seine Eltern sind Berufsmusiker, und auch er hätte diesen Weg einschlagen können. Er entscheidet sich gegen die Geige, aber für die Bühne, zum Glück, denke ich heute als Zuschauerin. Sein Schauspiel ist großartig, vielleicht auch, weil er oft die interessantesten Rollen spielen darf: König Ludwig von Bayern oder Tristan Rot in Babylon Berlin, als Prinz von Homburg habe ich ihn am Berliner Theater gesehen oder in Kinofilmen wie Narziss und Goldmund. (Ich könnte ihn noch häufiger sehen, es ist immer großartig! Bitte mehr davon…)

Mein Fazit

Vaterländer ist kein trockener Geschichtsbericht, sondern ein vielstimmiges und sehr persönliches Porträt einer Familie, ein Stück europäische Geschichte und der Nachwirkungen von Diktatur und Flucht. Ein Roman, der nachhallt, weil er von gelebtem Leben erzählt. Wer die fein gesponnene Verbindung von persönlicher Geschichte und Zeitgeschichte erleben möchte, wird hier fündig.

Vaterländer ist ein kluges, berührendes, manchmal bitteres, oft schönes Buch über Identität, Flucht, Mut und das große Fragezeichen namens Heimat.

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